Per Mausklick zum Lächeln der Mona Lisa
Europas Kulturschätze tummeln sich digitalisiert in einer Online-Bibliothek - Gegengewicht zum US-Anbieter Google
Brüssel. Durchklicken statt Schlange stehen: Seit gestern kann man mithilfe eines neuen Internet-Portals in Büchern und Zeitungen schmökern, sich durch Fotos, Filme, Melodien und Kunstgalerien klicken. Möglich macht das die europäische Online-Bibliothek "Europeana", die nun ihre Pforten geöffnet hat. Rund 120 Millionen Euro pumpt die EU-Kommission in den kommenden zwei Jahren in das Projekt. Brüssel will damit ein Gegen-Angebot zum weltweit die Online-Märkte beherrschenden Konkurrenten Google schaffen.
Der Internet-Riese arbeitet seit 2004 an seiner Netz-Bücherei "Google Book Search". Ob Da Vinicis "Mona Lisa", Shakespeares "Hamlet" oder Beethovens "Ode an die Freude": Wer auf europeana.eu sucht, der findet und kann sich die Werke direkt auf den heimischen Computer holen. "Die europäische digitale Bibliothek bietet einen schnellen und einfachen Zugang zu europäischen Büchern und Kunstwerken", verspricht die EU-Medienkommissarin Viviane Reding.
Technisch funktioniert das Ganze so: Das neue Portal dient als virtuelles Dach, das digitalisierte Objekte aus Bibliotheken, Museen, Archiven und audiovisuellen Medien zusammenfasst. So leitet Europeana den Nutzer, der beispielsweise Dantes "Göttliche Komödie" im Original sucht, direkt zur Digital-Version der französischen Nationalbibliothek weiter. Die Suche lässt sich nach Texten, Videos, Bildern und Tönen filtern.
Rund zwei Millionen Objekte in digitaler Form sind derzeit abrufbar. Bis 2010 sollen zehn Millionen Werke zur Verfügung stehen. Dabei handelt es sich um ein ehrgeiziges Ziel. Doch im Vergleich zum zweieinhalb Milliarden starken Gesamtbestand allein an Büchern, der in Europas Bibliotheken schlummert, scheint die Zahl verschwindend klein. Doch davon will man sich in Brüssel nicht entmutigen lassen - im Gegensatz zum US-Software-Hersteller Microsoft, der ein ähnliches Projekt wieder aufgegeben hat.
Bei Europeana geht es auch darum, den US-Konkurrenten Google in seine Schranken zu verweisen. Seit der Konzern vor vier Jahren damit begann, die Buchbestände amerikanischer Bibliotheken zu digitalisieren, ist Europa in Alarmbereitschaft. Vor allem den auf ihr Kulturgut sehr stolzen Franzosen geht die Aktion gegen den Strich. Paris fürchtet, dass Europäer, die bekanntlich besonders auf Google als Suchmaschine zurückgreifen, im Netz dann nur noch auf angloamerikanische Werke stoßen könnten.
Während Google sich damit rühmt, schon sieben Millionen Bücher fürs Netz verfügbar gemacht zu haben, sind seit 2005 nun auch die EU-Mitgliedstaaten dabei, ihre Kulturschätze zu digitalisieren. Die Slowakei hat dafür sogar ein altes Militärgelände zu einer Großdigitalisierungsanlage umgebaut, in der Roboter die Seiten tausender Bücher umblättern.
http://dev.europeana.eu
Von Hanna Roth
Erschienen am 21.11.2008
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