Wundersames Aufblühen
Ólafur Arnalds hält die Zeit an
Chemnitz. Es gibt Momente, da will man einfach nicht applaudieren. Es reicht ja schon, dass da noch andere Leute mit im Saal sitzen, obwohl deren ergriffenes Schweigen nur darauf zurückzuführen sein kann, dass sie die Musik auch in der Zeit festgefroren hat. Musik, die den Takt das Daseins so wunderbar bremst wie keine zweite. Musik, die Töne zurückführt auf ihre ursprüngliche Wurzel in der Seele. Man will einfach nur mehr - dumm nur, dass man dazu das übliche "Zugabe"-Klatschen starten müsste. Oder rufen? Kommt nicht in Frage!
Der Zauberer, der seine Hörer mit so ausgesucht minimaler Musik in derart tiefe Sphären zu saugen versteht, ist ein 21-jähriger Isländer namens Ólafur Arnalds. Schwieriger Name, aber es lohnt sich, ihn ein paar Mal vor sich herzusagen, um ihn nie wieder zu vergessen, und - das ist die Hauptsache - ihn weitersagen zu können. Sie wollen einen sinnlichen Menschen reich beschenken, haben aber kein Geld? Flüstern Sie der Person nur diesen Namen zu: Ólafur Arnalds! Der junge Komponist ist das beeindruckendste Talent in Sachen Minimal- und Ambientmusik der letzten zehn Jahre.
Wer ihn am Mittwochabend im gut gefüllten Chemnitzer AJZ im eher kleinen Kreis erleben durfte, wird davon später nicht ohne Stolz denen erzählen, die ihn erst noch kennenlernen werden. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgruppen-Status bei den Island-Helden Sigur Ros bot Ólafur Arnalds bei dem intimen Auftritt eine sinnlichere, direktere Performance. Jeder Strich des begleitenden Streichquartetts stand wie ein Statement im Raum, man hörte förmlich, wie sich die Rosshaarschuppen der Bögen in den Darmsaiten verhakten, sie mit wohligem Kratzen zum Schwingen brachten.
Arnalds gelingt in seinen Minimalkompositionen für Klavier, Streichquartett und Elektronik das Kunststück, eine milde, unglaublich beruhigende Atmosphäre aus fast nichts zu erschaffen - ohne das irgendwas plätschert, einschläfert oder belanglos wirkt. Die größte Schwäche von Minimalmusik, die oft eher nicht so griffigen Melodien, umschifft er zudem meisterlich: Aus wie gelegentlich hingetupften Tönen werden spannende, berührende Themen, die in den endlosen, aber klug gesetzten Wiederholungen sich nie abnutzen, sondern wundersam aufblühen. Da stört es mitunter fast schon, wenn selten einige sehr spartanische perkussive Elektronik-Loops langsam hochtauchen - es sind immerhin Beats. Wesen aus der anderen, der allgegenwärtigen Musikwelt.
Wenn die Kinobranche auch nur ein Fünkchen Verstand hat, dann ist Ólafur Arnalds der Filmmusik-Star der kommenden Jahrzehnte. Dem Mensch wünscht man es, für den Künstler hofft man es nicht.
www.olafurarnalds.com
Von Tim Hofmann
Erschienen am 21.11.2008
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