Ex-Chef wird zum Märchenonkel
Auer Kinder hören bei bundesweitem Vorlesetag Geschichten aus Lieblingsbüchern
Mit Zylinder und Fliege las Hans-Joachim Eberius am Donnerstag den Kindern der "Villa Kunterbunt" vor.
Foto: Marcel Weidlich
Aue.14 Jahre lang hatte er als Geschäftsführer der Stadtwerke Aue GmbH den Hut auf für die Strom- und Gasversorgung in der Region. Jetzt ist Hans-Joachim Eberius Rentner - und doch: von Ruhestand will er lieber nichts wissen. Denn den Hut, oder besser: den Zylinder, hat er auch am Donnerstag noch einmal aufgesetzt - passend dazu die Fliege umgebunden. Der einstige Unternehmenschef wurde für eine Stunde zum Märchenonkel. 18 Steppkes der Kindertagesstätte "Villa Kunterbunt" auf dem Eichert dankten es ihm begeistert.
Fast schon andächtig saßen die Mädchen und Jungen am Morgen um Eberius aufgereiht. Der bundesweite Vorlesetag, ins Leben gerufen unter anderem von der Stiftung Lesen, hatte ihnen dieses ungewöhnliche Vergnügen beschert. Und das ging richtig tierisch ab - mit einer Katze von "höchstem Angora-Adel", wie es im Buch "Das Katzenhaus" von Samuil Marschak heißt. Da kam Eberius so richtig ins Agieren. Er erzählte mit verstellter Stimme vom Ziegenbock, dem Hahn oder dem Schwein. Und ließ die Kinder eifrig mitmachen. Beim Zählen der Tiere zum Beispiel - wobei die Zuhörer halfen, als eines fehlte. "Du hast eins vergessen", wurde Eberius belehrt. Und machte es im zweiten Anlauf dann richtig.
In flottem Tempo eilte die Geschichte voran, berichtete über das schicke Leben der Fürstin Koschka und ihres Dieners im schmucken Haus - die ganz standesgemäß zwar große Abende feiern, aber den armen elenden Kreaturen die Hilfe verwehren. Als durch eine Unachtsamkeit der Besitz in Flammen aufgeht, muss die feine Dame erkennen, dass ihr ebenso niemand in der Not helfen möchte. Bis sie am Ende an der Tür der Ärmsten der Armen stehen und dort tatsächlich aufgenommen werden.
"Das Stück hatte die Vorschulgruppe vorher schon auf einer alten Schallplatte angehört", sagte Linda Habekus, Chefin der Kindertagesstätte. Als Livefassung natürlich war es gleich nochmal ein Stück spannender. Wobei die Schallplatten als Relikt vergangener Zeiten überhaupt eine magische Anziehungskraft auf die Jüngsten ausüben, wie Linda Habekus festgestellt hat. "Jeder kennt heute nur die CD, und obwohl natürlich die knackenden Nebengeräuschen nicht zu vermeiden sind, hören die Kinder das gerne an. Sie sprechen immer ganz begeistert von den ,schwarzen Scheiben'."
Eberius war sichtlich zufrieden mit der Freude der Kinder an seinem Vortrag. Aufgeregt? "Nein, das war ich nicht", versicherte er. Und hatte auch gleich die Begründung parat: Liest er doch auch zuhause regelmäßig für seine Enkel Geschichten. "Zumindest für die Kleine. Die Große ist schon elf, die ist aus dem Alter raus."
Zum Vorlesetag in Aue trugen am Donnerstag in Aue elf Vertreter aus Politik, Kultur und Wirtschaft Kindern Geschichten vor. Splitter
Von Jens Korch
Erschienen am 20.11.2008
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